Museum Kurhaus / Kleve

Ewald Mataré Sammlung


Lothar Baumgarten
Imago Mundi 29.01.2006–14.05.2006

Lothar Baumgarten gehört zu den international renommiertesten Künstlern. Entscheidend für sein Denken ist die diskursive Einlassung mit einem Ort. Sie provoziert in der Auseinandersetzung die Antwort, die Entscheidung über Maß und Proportion, über Material und Licht, Inhalt, Form, wie Farbe. Es gibt keine Entwurfsschemata, keine Methode in Strich und Umsetzung. Es gibt keine Wahrheit, aber es gibt gültige Maßgaben, die tragen. Für ihn hat Schönheit ihren Grund in der Sinngebung und im Wissen, nicht aber in der Ästhetik. Baumgartens Werk ist durch Ausstellungen in bedeutenden Museen so wie durch Preise gewürdigt worden. Vier Mal (1972, 1982, 1992, 1997) nahm er an der Documenta teil, sowie an der Carnegie International: 1988 „Cherokee Alphabet“ (Hall of Sculpture, Carnegie Mellon) und 1991 „Grammar of Creation“ (Ducane University, Mies van der Rohe).  1984 wurde er für seine Arbeit „America“ (Señores Naturales, 1983/84) im Deutschen Pavillon mit dem „Goldenen Löwen“ der Biennale von Venedig ausgezeichnet, 1993 zeigte das Solomon R. Guggenheim Museum in New York in Frank Lloyd Wrights Rotunda eine Einzelausstellung. Im Jahr 1996 erhielt er den Lichtwark-Preis der Hansestadt Hamburg; den mfi Preis für Kunst und Bau erhielt er 2003.

Die Ausstellung „Imago Mundi“ des Museum Kurhaus Kleve ist Baumgartens bis heute größte museale Einzelausstellung in Deutschland. Ihr Parcours eröffnet einen gewissen Überblick durch viele Werkphasen von den späten 60er Jahren bis in die Gegenwart. Die Einrichtung der Ausstellung führt einen Dialog mit der von Walter Nikkels entworfenen Museumsarchitektur. Ihr Kanon macht häufig den architektonischen Kontext des Gebäudes zum Träger der Arbeit selbst. Eine zentrale Rolle in der Ausstellung nimmt die komplexe raumgreifende Wandzeichnung (Installation) „Imago Mundi“ L’autre et L’ailleurs 1988 ein. Ihre formale Gliederung bezieht sich auf die bekannte Farbmusterkarte von Kodak – ein durch Kodak entwickeltes Hilfsmittel für die Anfertigung photographischer Abzüge im allgemeinen und die Farbreproduktion im besonderen. „Imago Mundi“ konfrontiert die geographischen Namen der Kontinente Amerika, Asien, Afrika, Australien und Antarktis mit den Namen jener europäischen Nationalstaaten, die als Kolonialmächte ihre globalen Interessen in Übersee manifestierten. Die dieser Arbeit eingeschriebene Dialektik hinterfragt die vielschichtige nicht normative Interpretation von Farbe im Kontext globalen Austauschs. Sie spiegelt als graphische Formel das Eigene und das Andere. Cyan – Yellow – Magenta – Black mutieren hier zur ’Hautfarbe’. Die Wandzeichnung wird zu einer Parabel der Globalisierung.
Zu den frühen Arbeiten gehört der Film „Der Ursprung der Nacht“ (Amazonas-Kosmos) 1973 – 1977. Der Film entwickelt, im Atelier beginnend, über die Morphologie von Vegetation und Zivilisationsmüll eine Begegnung mit dem Regenwald Amazoniens am Rande einer rheinischen Großstadt. Die fiktive Reise durch eine manipulierte Natur spiegelt die eigene Erinnerung und Kultur wider. Nichts ist mehr, was es zu sein scheint. Mimikry wird zum ständigen Begleiter. Die Photographien der Serie „Montaigne“ 1977 – 1985 zeigen die Landschaft und Urwälder der Gran Sabana, eines zum Eldorado der Goldwäscher gewordenen Schlachtfelds in Venezuela und dem Norden Brasiliens. Von besonderer Bedeutung für die Ausstellung in Kleve sind zwei neue sich doppelnde Lichtbildprojektionen, die achtzig Gemälde brasilianischer Vögel aus dem 17. Jahrhundert zum Gegenstand haben. Die Bilder stammen von der Hand des niederländischen Malers Albert Eckhout und basieren auf Studien, die während seiner Jahre in Brasilien unter Johann Moritz von Nassau-Siegen entstanden. Johann Moritz, der von 1647 – 1679 brandenburgischer Statthalter in Kleve war, wirkte zuvor in den Jahren 1637 – 1644 für die niederländische Westindische Compagnie als Gouverneur in Recife. In diesen Lichtbildprojektionen stellt Baumgarten Details des gemalten Federkleids der Vögel Eckhouts Zeichnungen der Yanomami des oberen Orinoko gegenüber.

„Doppelpendel“ 2002/03 ist eine Reflektion über den Kanon der Farbe bei Malern der Renaissance (Giotto di Bondone, Benozzo Gozzoli, Domenico Ghirlandaio, Pinturicchio, Paolo Uccello, Piero della Francesca, Luca Signorelli, Fra Angelico, Masaccio), die für einen Kreuzgang in Montalcino / Italien realisiert wurde und in Kleve in den Arkaden des Museums gezeigt wird. Ihr gegenüber ist die große, frei stehende Doppelwand durch eine Wandzeichnung „Abgleich Präludium, Variation II“ 1995 als bestimmendes architektonisches Element gewürdigt. „Abgleich“ ist ein Versuch über das Benennen von Farben im kommerziellen Austausch. „Verlorene Früchte“ 1969 sowie „Moskitos“ 1969, „Vom Ursprung der Tischsitten“ 1971 und „Nachtflug“ 1969 sind frühe Arbeiten, in denen das ephemere Element ihrer Materialisation von Bedeutung ist. „Archiv“ 1967 – 1974 fasst in 300 Ektachromen die Entwicklung einer künstlerischen Grammatik zusammen, auf deren Elemente immer wieder zurückgegriffen wurde. „Wie Venedig sehen“ 1983/84 ist eine Lichtbildprojektion venezianischer Kamine. „Seven Sounds – Seven Circles“ 2002 zeigt die Halbinsel Denning’s Point im Hudson River bei Beacon, auf der zurzeit ein Projekt mit Tonaufnahmen realisiert wird. Eine Doppelprojektion zeigt ein Galeriefenster von Konrad Fischer. Der Stein für Georg Forster wurde für die Documenta 7, Kassel, realisiert und war Anstoß und Versuch, die dortige Universität nach ihm zu benennen. „Feldweg“ 2002 zeigt in einem Saal eine simultane Lichtbildprojektion aus fünf Teilen. Es ist eine Reflektion über das Passagenwerk Walter Benjamins.

Die Werke Lothar Baumgartens befinden sich in internationalen Sammlungen, u. a. im Museum of Modern Art, New York; Metropolitan Museum, New York; Carnegie Museum, Pittsburgh; National Museum of Modern Art, Kyoto; Castello di Rivoli, Turin; Fundacao Serralves, Porto; Nationalgalerie (Hamburger Bahnhof), Berlin; Tate Modern, London; Stedelijk Museum, Amsterdam; Stedelijk Van Abbemuseum, Eindhoven, De Pont, Tilburg; Museum Kurhaus Kleve, Kleve. Projekte im öffentlichen Raum: Bundespräsidialamt, Berlin; „Configuracions urbanes“ Olympiade Cultural, Barcelona; Fondation Cartier, Paris.

Zur Ausstellung erscheinen ein Katalog, zwei Bücher, eine Edition und ein Plakat. Für die Bücher und den Katalog entwarf Walter Nikkels Form und Typographie.

Die Ausstellung im Museum Kurhaus Kleve wird gefördert durch
Kulturstiftung des Bundes
Kunststiftung NRW


Mit freundlicher Unterstützung durch
Georgia Hotel Cleve

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